Die Karl May Szene in Deutschland

Die Karl-May-Szene in Deutschland

Ein Überblick

Von Erwin Müller

Als Karl May, der phantasievolle Schöpfer unzähliger exotischer Reiseerzählungen und spannender Abenteuergeschichten mit den unsterblichen Figuren Old Shatterhand und Winnetou, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, am 30. März 1912 in seiner „Villa Shatterhand“ in der gutbürgerlichen Dresdner Gartenvorstadt Radebeul die Augen für immer schloß, konnte niemand ahnen, daß dieser zugleich heiß geliebte und viel geschmähte Autor ein Menschenalter später Namenspatron vieler kultureller Institutionen und Veranstaltungen sein würde, die sich der Beschäftigung mit seinem Leben, seinem Werk und seiner Wirkung verschrieben haben.

Anfänge und Vorläufer

Nach einigen vergeblichen oder bald gescheiterten Versuchen in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts*, die zahlreichen Anhänger, Freunde und Leser Karl Mays auch organisatorisch in einem Bund, Club oder Verein zu sammeln (die letzten Bemühungen dieser Art wurden 1944 von der Gestapo als staatsfeindliche Aktion verboten bzw. endeten 1949 an den ideologischen Barrieren der gerade entstehenden DDR), war es um den sächsischen Fabulierer ziemlich still geworden. Daran hatte auch Heinz Stoltes erste Dissertation über Karl May im Jahre 1936 nichts geändert.

Auch die mit seinem Namen verknüpften kommerziellen Erfolge – Millionenauflagen bearbeiteter Buchausgaben, spektakuläre Freilichtaufführungen und publikumswirksame Verfilmungen, die in den sechziger Jahren den Ruhm von Pierre Brice als bedeutendsten Winnetou-Darsteller begründeten – konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß eine seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Karl May und seinem literarischen Werk noch immer ausstand. Im Gegenteil, der Karl-May-Boom verstärkte nur noch die ohnehin seit Jahrzehnten gepflegten Klischeevorstellungen, ein Gebräu aus Halbwahrheiten, Vorurteilen und Gerüchten, die von den Medien, nicht selten wider besseres Wissen, wohlfeil unters Volk gebracht wurden.

Fast im Verborgenen versuchte deshalb ab 1963 eine Handvoll engagierter Karl-May-Freunde und -Forscher diesem Trend entgegenzuwirken und der interessierten Öffentlichkeit ein nach objektiven Kriterien erarbeitetes Bild von Karl May zu vermitteln. Diese Aktivitäten, deren Initiator und Motor der Hamburger kaufmännische Angestellte Alfred Schneider (1905-1987) war, führten über die „Arbeitsgemeinschaft Karl-May-Biographie“ schließlich zu einer folgenreichen Entscheidung.

Karl-May-Gesellschaft

Am 22. März 1969, dem 57. Jahrestag der berühmten Wiener Friedensrede Karl Mays („Empor ins Reich der Edelmenschen!“), wurde auf Einladung Alfred Schneiders im Wintergarten der Casinobetriebe in Hannover die Karl-May-Gesellschaft e.V. gegründet. Von vierzehn Anwesenden stimmten elf dem Gründungsbeschluß zu, verabschiedeten die Satzung und wählten einen Vorstand. Fünf weitere Personen hatten sich schriftlich für die Gründung ausgesprochen und vorab ihren Beitritt erklärt.

Die wagemutigen Gründer der KMG, unter denen sich nur eine Dame befand (Frauen wagten sich in größerer Zahl erst später in diese männlich dominierte Karl-May-Welt), hatten sich in ihrem Vereinsstatut drei weitgesteckte Ziele und Aufgaben vorgenommen: Die neue Gesellschaft wollte das literarische Werk Karl Mays erschließen und bewahren, sein Leben und Schaffen lückenlos erforschen und vollständig dokumentieren, sowie dem Autor und seinen Werken einen angemessenen Platz in der Literaturgeschichte verschaffen.

Nach mehr als fünfundzwanzigjähriger Tätigkeit und Forschungsarbeit, wovon vor allem die seit 1970 erscheinenden Annalen (Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft, Hansa-Verlag, Hamburg bzw. Husum 1970 ff.) ein erstaunliches und vielbeachtetes Zeugnis ablegen, sind diese Aufgaben in wesentlichen Teilen erfüllt.

Die Karl-May-Gesellschaft ist ein eingetragener Verein, der ausschließlich gemeinnützige Zwecke zur Förderung von Wissenschaft und Kultur verfolgt. Ihr gehören im Sommer 1996 fast 1.900 Mitglieder in 24 Ländern der Welt an. Vorsitzender ist seit 1971 der Münchner Hochschullehrer Prof. Dr. Dr. hc. mult. Claus Roxin*, einer der renommiertesten internationalen Strafrechtler.

Neben der Karl-May-Gesellschaft gibt es noch weitere miteinander befreundete und kooperierende Institutionen, die gleichfalls den Namen dieses Schriftstellers tragen und in ihrer Aufgabenstellung und Arbeit ihm und seinem Andenken verpflichtet sind.

Karl-May-Haus

In Hohenstein-Ernstthal befindet sich das unter Denkmalschutz stehende Karl-May-Haus, in dem der Schriftsteller am 25. Februar 1842 zur Welt kam. An dem etwa 300 Jahre alten Weberhaus wurde 1929 eine Erinnerungstafel für den berühmtesten Sohn der Stadt angebracht. Seit 1985 ist es Gedenkstätte und Museum in Trägerschaft der Stadtverwaltung und wird von dem Dipl.-Historiker Andre Neubert geleitet, dem ein Wissenschaftlicher Beirat unter dem Vorsitz von Dr. Christian Heermann beratend zur Seite steht.

Karl-May-Museum

Das Karl-May-Museum in Radebeul besteht aus zwei Teilen: dem völkerkundlichen Museum der nordamerikanischen Indianer im Blockhaus „Villa Bärenfett“ (1928 auf Initiative von Patty Frank gegründet) und einer biographisch-literarischen Ausstellung in der „Villa Shatterhand“ (seit 1985), wo Karl May ab 1895 wohnte und am 30. März 1912 gestorben ist.

Im Frühjahr 1995 konnten die drei wichtigsten Räume dieses ebenfalls denkmalgeschützten Hauses originalgetreu wiederhergestellt werden: der Empfangssalon (das sogenannte Sascha-Schneider-Zimmer) im Erdgeschoß, sowie die Bibliothek und das Arbeitszimmer Karl Mays in der ersten Etage. Einige Monate später wurde in der Veranda noch ein Klara-May-Zimmer eingerichtet, so daß jetzt nur noch das Sterbezimmer Karl Mays gestaltet werden muß. Direktor des von der Karl-May-Stiftung unterhaltenen Museums ist Dipl.-Ing. oec. René Wagner, während Dipl.-Ing. Hans Grunert Kustos der Karl-May-Sammlung ist.

Karl-May-Stiftung

Die Karl-May-Stiftung in Radebeul wurde 1913 gegründet und geht auf das letzte Testament des kinderlosen Schriftstellers zurück, der seine zweite Frau Klara May (1864-1944) als Universalerbin mit der Maßgabe eingesetzt hatte, daß nach ihrem Tode seine gesamte Hinterlassenschaft („… alles …, was ich besitze und was meine Werke noch einbringen werden …“) einer mildtätigen Stiftung zufallen sollte. Diese hatte den Zweck, mittellosen begabten jungen Menschen Ausbildungsbeihilfen sowie notleidenden Schriftstellern, Redakteuren und Journalisten Unterstützungen zu gewähren. Aus diesem Vermögen werden zur Zeit vorrangig das stiftungseigene Karl-May-Museum und die Grabstätte des Ehepaares May auf dem Radebeuler Friedhof unterhalten und gepflegt.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Stiftung neu konstituiert und durch eine veränderte Satzung auf eine demokratische Grundlage gestellt. Vorstandsvorsitzender ist der Kaufmann Peter Grübner, als Geschäftsführer fungiert in Personalunion Museumsdirektor René Wagner. Der FDP-Politiker Wolfgang Mischnick ist Präsident des Kuratoriums, das wie ein Aufsichtsrat den Vorstand wählt und die Arbeit der Stiftung kontrolliert.

Karl-May-Verlag

Der Karl-May-Verlag in Bamberg (bis 1960 in Radebeul) gibt seit seiner Gründung im Jahre 1913 „Karl Mays Gesammelte Werke“ in bearbeiteter Form in den bekannten grün-goldenen Büchern mit farbigen Deckelbildern heraus, von denen bisher 77 Bände erschienen sind (open end?). Er hat daneben aber auch einen 33 Bände umfassenden Nachdruck der Freiburger Erstausgaben aus dem Fehsenfeld-Verlag veröffentlicht, was ihm viel Anerkennung in der Fachwelt eingebracht hat. Alleiniger Verlagsinhaber ist Lothar Schmid, dem in absehbarer Zeit sein Sohn Bernhard in der Leitung nachfolgen wird. Der Verlag beabsichtigt, demnächst eine Filiale am ursprünglichen Firmensitz in Radebeul zu eröffnen.

Historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays

Seit einigen Jahren (und zwei Verlagswechseln) geben Hermann Wiedenroth und Dr. Hans Wollschläger eine Edition Karl Mays Werke (historisch – kritische Ausgabe) im Bücherhaus Bargfeld heraus, die auf 100 Bände konzipiert ist und allen wissenschaftlich-literarischen Ansprüchen gerecht wird.

Archiv der Karl-May-Gesellschaft

In Bad Segeberg befindet sich das Archiv der Karl-May-Gesellschaft, das von Ekkehard Bartsch geleitet wird. Es enthält die gesamte Primär- und Sekundärliteratur, die fremdsprachigen Ausgaben der Bücher Karl Mays und eine umfangreiche Sammlung einschlägiger Presseartikel. Auch Film- und Tonaufzeichnungen sowie eine umfangreiche Fotoauswahl gehören zum Fundus dieses Archivs, aber auch etliche Kuriosa aus dem Bereich der kommerziellen Verwertung.

Karl-May-Archiv

Das Karl-May-Archiv in Göttingen besitzt die wohl größte Sammlung der Welt zum Thema „Karl May im Film und auf der Bühne“ und ediert außerdem die Reihe „Veröffentlichungen des Karl-May-Archivs“, in der bisher unbekannte oder langst vergriffene Texte von und über Karl May herausgebracht werden. Diese lobenswerte Privatinitiative wird getragen von Michael Petzel, Dr. Jürgen Wehnert und Thomas Winkler.

Freilichtspiele

Die Freilichttheater mit Karl-May-Spielen haben in Deutschland eine lange Tradition, die bis in die Vorkriegszeit zurückreicht. Den Anfang machten Rathen in der Sächsischen Schweiz (1938) und Werder bei Potsdam (1940), denen nach dem Zweiten Weltkrieg Bad Segeberg in der Holsteinischen Schweiz (seit 1952) und das sauerländische Elspe (seit 1958) folgten, wo Pierre Brice einige Jahre später an seine erfolgreiche Karriere als populärster Film-Winnetou anknüpfen konnte. Daneben wurden und werden vereinzelt oder regelmäßig auch an anderen Orten – mehr oder weniger gewinnträchtig – Karl-May-Spiele (oder was man dafür ausgibt) veranstaltet. Aber überragt werden sie alle von den drei Spielstätten, die heute „marktbeherrschend“ sind und alljährlich hunderttausende von Besuchern anziehen:

  • das Freilichttheater am Kalkberg in Bad Segeberg (Veranstalter: Kalkberg GmbH)
  • die Naturbühne Elspe in Lennestadt (Veranstalter: Western Country GmbH)
  • die Felsenbühne Rathen im Kurort Rathen (Veranstalter: Landesbühnen Sachsen)

Karl-May-Veranstaltungen

In den letzten Jahren haben sich verschiedene festliche oder volkstümliche Veranstaltungen „rund um Karl May“ etabliert, die jeweils ein spezifisches Publikum anlocken. Die herausragenden Aktivitäten dieser Art sind das Karl-May-Fest in Bad Segeberg, Radebeul oder Berlin (Veranstalter: Karl-May-Archiv), die Karl-May-Festtage im Lößnitzgrund bei Radebeul (Veranstalter: Stadtverwaltung), das frühere Bergfest und heutige Karl-May-Fest in Hohenstein-Ernstthal (Veranstalter: Stadtverwaltung) und der Karl-May-Ritt zu verschiedenen Zielen in Deutschland (Initiatorin: Renate Kleucker). Daneben gibt es noch zahlreiche Einzelveranstaltungen in vielen Orten, wie Ausstellungen, Lesungen und Vorträge.

Freundeskreise und Vereine

Und schließlich müssen noch die Freundeskreise, Vereine und Clubs genannt werden, in denen sich im Umfeld Karl Mays Menschen mit gleichartigen Interessen zusammen- geschlossen haben und sich z.B. mit folgenden Themen beschäftigen: Karl Mays Leben, Werk und Wirkung, Amerikanistik, Indianistik und Orientalistik, Karl-May-Filme und -Theaterstücke, Schauspieler mit Karl-May-Rollen, Karl-May-Comics, Sammeln von Mayensia usw.

Die bekanntesten unter ihnen sind die Karl-May-Freundeskreise in Cottbus, Hoyerswerda, Leipzig und Radebeul (die teilweise schon zu DDR-Zeiten gegründet wurden!), Mescalero e.V., einige kleine Karl-May- und Winnetou-Clubs, Fan-Clubs einzelner Schauspieler (z.B. Pierre Brice, Lex und Christopher Barker) sowie regelmäßige regionale Treffen von Mitgliedern der Karl-May-Gesellschaft.
Anmerkung Günter Fell: Hierzu zählt auch unser Karl-May-Stammtisch Saar.   –    Näheres siehe (hier)

Einige dieser Vereinigungen geben eigene (kontinuierlich oder sporadisch) erscheinende Publikationen heraus, unter denen „Karl May & Co.“ (Redakteur: Torsten Greis) die attraktivste Zeitschrift ist, führen selbst Veranstaltungen durch oder beteiligen sich an größeren überregionalen Aktivitäten.

Fazit

Zusammenfassend läßt sich die Karl-May-Szene in Deutschland mit einem vielfarbigen Mosaik vergleichen, in dem jedes einzelne Steinchen für sich zwar bunt und schillernd und wichtig ist, jedoch immer nur einen Teilaspekt des Ganzen widerspiegelt. Erst die Sicht auf das gesamte Mosaik läßt den Betrachter die Fülle und Vielfalt des facettenreichen Karl – May – Mythos erkennen, die unterschiedlichen Motive und Triebkräfte erahnen für die lebenslange Beschäftigung mit dem Menschen und Schriftsteller Karl May, dessen Faszination bis heute ungebrochen ist.

Quelle: KMG-Nachrichten 108, Juni 1996. Elektronische Aufbereitung von Engelbert Botschen

*Anmerkung des Karl-May-Stammtischs:

Man beachte, dass die Veröffentlichung des vorliegenden Artikels im Jahr 1996 erfolgte. Inzwischen haben sich einige Änderungen ergeben, vor allem was die Personen in den Führungsebenen einzelner aufgeführter Institutionen betrifft. Aber im Wesentlichen trifft die Beschreibung der Karl-May-Szene auch heute noch zu, weshalb wir den Artikel auch unverändert auf unsere Homepage übernommen haben.


Kommentare

Die Karl May Szene in Deutschland — 1 Kommentar

  1. Hallo,
    Zunächst einmal: Sehr schöner Überblick über die hiesige Karl-May-Szene. Ich würde mich gewiss nicht als Hardliner-Fan bezeichnen – aber Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und andere Helden aus seiner Feder haben auch meine Jugend mitgestaltet und mich begeistert.
    Radebeul ist gar nicht so weit weg von hier (Leipzig); vielleicht sollte ich mal einen Ausflug dorthin einplanen. Lohnt sich das ihrer Ansicht nach?
    In diesen Zuge habe ich mal weitergeschaut und dies hier entdeckt (geht um die Kosten für einen Umbau des Karl May Museums: http://www.dnn-online.de/radebeul/web/radebeul-nachrichten/detail/-/specific/Radebeul-Karl-May-Museum-kostet-1-5-Millionen-Euro-mehr-1626333220)
    Leider ist die Meldung nicht vollständig. Vielleicht verfügen Sie ja über die Kontakte, um dort mehr in Erfahrung zu bringen – und können das dann auch hier auf Ihrer Seite der Öffentlichkeit mitteilen.

    Viele Grüße aus Leipzig

    Cori

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